Das Erbe nationalsozialistischer Medizin in gegenwärtiger Psychiatrieethik. Ein Vergleich der Debatten in Deutschland und Israel 1990–2020 (LANE)


Förderung:
Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Programm "Forschungskooperation Niedersachsen – Israel" (76251-2346//2021 (ZN 3865))
Fördersumme:
299.700 € (Gesamtsumme): Universitätsmedizin Göttingen: 164.700 €; Ben-Gurion-Universität des Negev: 135.000 €
Laufzeit:
10.2022 – 03.2026
Projektbeteiligte:
- Prof. Dr. Silke Schicktanz, Universitätsmedizin Göttingen – PI
- Prof. Nadav Davidovitch, Ben-Gurion-Universität – PI
- Dr. Rakefet Zalashik, Ben-Gurion-Universität – PI
- Karina Korecky, M.A., Universitätsmedizin Göttingen – Koordination und wissenschaftliche Mitarbeiterin
- Dr. Nitzan Rimon-Zarfaty, Universitätsmedizin Göttingen – wissenschaftliche Mitarbeiterin
- Dr. Limor Malul, Akademisches College Safed – Assoziierte Wissenschafterin
- Dr. Avivit Dolev, Ben-Gurion-Universität– Assoziierte Wissenschafterin
- Dr. Tobias Weidner, Universitätsmedizin Göttingen – Assoziierter Wissenschafter
Forschungshintergrund
Die Verbrechen der nationalsozialistischen Medizin – insbesondere die systematische Ermordung psychiatrischer Patient:innen im Rahmen des sogenannten „Euthanasie“-Programms sowie der umfassendere Apparat von Eugenik, Zwangssterilisation, Rassenhygiene und die Verfolgung jüdischer Ärzt:innen – markieren einen fundamentalen Bruch, der die moderne Medizinethik nachhaltig geprägt hat . Das Erbe der NS-Psychiatrie beschränkt sich jedoch nicht auf historische Erinnerung; vielmehr fungiert es bis heute als normativer Bezugspunkt in gegenwärtigen bioethischen und psychiatrieethischen Debatten.
Moderne Bioethik bietet moralische Orientierung für Gesundheitsberufe, Patient:innen und Gesundheitspolitik. Bemerkenswerterweise wurde das Verhältnis zwischen Bioethik und Holocaust-Erinnerung bislang nie systematisch untersucht. Unser deutsch-israelisches Gemeinschaftsprojekt schließt diese Forschungslücke. Durch einen Vergleich psychiatrieethischer Debatten in Deutschland und Israel zwischen 1990 und 2020 untersuchen wir, wie Wahrnehmungen nationalsozialistischer Verbrechen die Entstehung und Entwicklung bioethischen Denkens in zwei Gesellschaften geprägt haben, für die diese Geschichte eine tiefgreifende, jedoch unterschiedliche Bedeutung besitzt. Das Projekt verbindet damit Medizingeschichte und empirische Bioethik.
Forschungsinhalte
Das Projekt geht von zwei zentralen Forschungsfragen aus:
- Welches Patientenbild liegt der Psychiatrieethik – insbesondere den Konzepten der informierten Einwilligung und der Patientenautonomie – zugrunde, und auf welchen formalen Regelungen, informellen Annahmen und historischen Bezugnahmen basiert dieses Bild?
- Welche ethischen Imperative leiten die Forschung an psychisch nicht einwilligungsfähigen Personen beziehungsweise an Patient:innen mit schweren psychischen Erkrankungen (z. B. Demenzforschung und placebokontrollierte klinische Studien), und wie werden diese durch kollektive Erinnerung an eine traumatische Vergangenheit beeinflusst?
Zur Bearbeitung dieser Fragen verwendet das Projekt eine qualitative Mixed-Methods-Methodologie:
- Kritische Diskursanalyse wird auf bioethische Publikationen, wissenschaftliche Literatur, Berichte und Policy-Dokumente zur psychiatrischen Ethik angewandt, die zwischen 1990 und 2020 in Deutschland und Israel veröffentlicht wurden. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Frage, wie Bezugnahmen auf NS-Medizin und den Holocaust in Debatten über psychiatrische Forschung und Behandlung auftauchen.
- Expert:inneninterviews: Halbstrukturierte Tiefeninterviews mit Psychiater:innen, Ethiker:innen und Jurist:innen in beiden Ländern, die mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet werden.
Durch den systematischen Vergleich ethischer Debatten in zwei Gesellschaften, für die diese Geschichte eine konträre, aber jeweils tiefgreifende Bedeutung besitzt, zielt das Projekt darauf ab, ein kulturvergleichendes und theoretisch fundiertes Verständnis dafür zu entwickeln, wie historische Erinnerung und kultureller Kontext die Entwicklung bioethischer Diskurse in der Psychiatrie prägen.
Forschungsziele
- Auf empirischer Grundlage implizite und explizite Diskursmuster in der ethischen Regulierung psychiatrischer Forschung und neuer Behandlungsmethoden in Deutschland und Israel zu rekonstruieren und zu vergleichen sowie den Einfluss des Erbes der NS-Medizin auf diese Debatten zu analysieren
- Zu untersuchen, wie historische Erinnerung, professionelle Selbstverständnisse und kulturelle Kontexte gegenwärtige Vorstellungen von Patient:innen, Autonomie und Vulnerabilität in der Psychiatrie prägen
- Historische, sozialwissenschaftliche und ethische Zugänge zu kombinieren, um zu einem historisch informierten Verständnis gegenwärtiger bioethischer Debatten beizutragen
- Kritisch zu analysieren, wie der liberale und individualistische Ansatz der Mental Health Ethics, der als normative Reaktion auf die nationalsozialistische Ideologie entstand, in Deutschland und Israel als dominierender Bezugsrahmen wirkte, und daraus Schlussfolgerungen für zukünftige Forschungsethik und Ethikbildung zu ziehen
Forschungsergebnisse / Outreach


Publikationen
- Korecky, K. und Schicktanz, S. (Forthcoming). „Psychiatrieethik in Deutschland seit 1970 und die Aufarbeitung nationalsozialistischer Medizinverbrechen“, Ethik in der Medizin.
Durchgeführte internationale Workshops (Auswahl)
- "Rethinking the Legacy of Nazi Medicine and Debating the Future of Psychiatric Bioethics", Internationaler Projekt-Workshop, Ben Gurion University of the Negev, Beer Sheva. Juli 14-15, 2024. Das vollständige Programm finden Sie hier
- "Rethinking Mental Disease and the Birth of Bioethics in the Shadow of the Holocaust" Internationaler Projekt-Workshop, ETH Zurich, April 24-25, 2024. Veranstalter: Hagner, M. and Zalashik, R.
Vorträge auf wissenschaftlichen Konferenzen (Auswahl)
- Korecky, K., Rimon-Zarfarty, N. und Schicktanz, S. “The Ethics of “Never Again”
History and Structure of Psychiatric Ethics in Postwar Germany”. Nahariya Conference on Medicine and the Holocaust. Juni 12, 2025. - Schicktanz, S. "The Legacy of Nazi Medicine in Bioethics: A Conceptual Reconstruction of Contemporary Psychiatric Ethics". 4th Annual Conference of the Research Center for Medical Humanities, University of Innsbruck. Dezember 6, 2024
Public Outreach (Auswahl)
- Korecky, K. und Schicktanz, S. "The Legacy of Nazi Medicine in German Psychiatric Ethics. Results of a Narrative Interview Study“. Mittwochsreihe BioPsychoSoziale Medizin, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsmedizin Göttingen. Mai 14, 2025.